Flamenco, Karibik und vier Saiten

 

Vom „Heavy Metal“-Rocker zum Ethnologen: der Wissener Bassist Stefan

Quast promovierte über die Musik Puerto Ricos

 

Er studierte den Flamenco in Andalusien und belegte Kurse für Musik und Ethnologie an der Universität von Puerto Rico.

Der Rockmusiker Stefan Quast fand über den E-Bass den Weg zu anderen Kulturen - und promovierte darüber.

 

Wissen: Viele kennen ihn als den Mann mit dem Elektro-Bass, der seit Jahren in allerlei Rock-Bands der Region mitmischt - so bei „The Final Season“, die neulich bei „Rock an der Sieg“ in Mudersbach ihr Abschiedskonzert gaben.

Wer diese Musik hört - oder vor Jahren die von „Dr. Death“, bei denen er ebenfalls den E-Bass bediente, der wird sich wundern: Der Rocker Stefan Quast hat nämlich den Doktor gemacht. Er darf sich nun Dr.phil. nennen und ist Musikethnologe.

Nachdem der 36-jährige seine Magisterarbeit über die Sozialgeschichte des Flamenco in Andalusien verfasst hat, ist jetzt auch seine Doktorarbeit erschienen. Titel: „Puertorriquenidad - Nationale Identität, Interkulturalität und Transkulturalität im Musikleben Puerto Ricos.“

Der Wissener, der die vier Saiten zupft, wie nur wenige im AK-Land, ist nicht nur im „Heavy Metal“ - oder „Gothic“-Stil zu Hause - sondern auch notenfest, musikalisch vielseitig interessiert, ist Papa einer Tochter, Musiklehrer an der „Melody ART“ -Schule in Altenkirchen, sowie am Musikhaus Wolf in Betzdorf - und empfindet sich als „musikalischen Weltbürger“.

„Mit musikalischen Schublädchen kann ich nichts anfangen“, sagt er - und erzählt: „ Mit acht oder neun hab´ich als Querflötist im Spielmannszug des TuS Germania Fischbacherhütte in Niederfischbach angefangen - da bin ich auch heute noch als Jugendausbilder tätig, für Querflöte und Trommel.“

Mit 14 entdeckte er den E-Bass: „Ich wollte nicht nur Märsche spielen, sondern auch Rockmusik. Anfangs habe ich am Bass, wie viele, nur die Achtel gespielt. Aber als ich eines Tages „Another One Bites The Dust“ von „Queen“ gehört hab, merkte ich, was man mit dem Instrument alles machen kann. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis…“

 

Bei Dr. Death gespielt

Klar, dass er bald in seiner ersten Band spielte, „mit eigenen Sachen, aber auch Coverversionen, etwa von „Ufo“.“

Mit 18 entdeckte er die unendlichen Möglichkeiten des Jazz und des Jazzrock. „Bassistengötter“, wie Jaco Pastorius und Marcus Miller wurden seine Idole. Wie er von da aus zum lauten und harten „Heavy Metal“ kam, das weiß er selbst nicht mehr so genau. Fakt ist, dass er in eine vor zehn Jahren einschlägig bekannte Combo dieses Stils einstieg, die „Dr. Death“ hieß und bei der zum Beispiel der Sänger, von Kerzenträgern in Kutten begleitet, im Sarg auf die Bühne getragen wurde….“Da stehe ich auch heute noch zu“, grinst er.

Immerhin: Zwei nicht wenig erfolgreiche CDs spielte die Truppe Ende der 90er Jahre ein, beide CD-Cover gestaltete kein Geringerer als der Schweizer Maler H.R. Giger - der bekanntlich das Alien-Wesen des gleichnamigen Science-Fiction-Horror-Klassikers geschaffen hat.

Da war die Musik längst in den Lebensmittelpunkt von „Stefan Q.“ gerückt: Er gab Unterricht, studierte Musikwissenschaft, Musikpädagogik und Soziologie in Gießen, nahm Unterricht für Bassgitarre in Wuppertal bei der Koryphäe Christoph Stowasser: „Ich wollte einfach nur besser werden“. Und er kehrte mit seiner ersten Combo „Q-Base“ („Q“ steht für „Quast“) zu Jazz, Funk und Rock zurück.

„Das war zwar Teamarbeit“, erinnert er sich, „aber ich habe fast alle Songs selber geschrieben.“

Eines Tages bekam Quast in einer Vorlesung an der Uni ein Konzertvideo des weltweit bekannten Flamenco-Gitarristen Paco de Lucia zu sehen. „Der hatte in seiner Gruppe einen Bassisten“, schwärmt Quast noch heute, „der hat mich einfach umgehauen.“

Der Flamenco-Virus hatte ihn infiziert.

Es folgten Reisen in das Mutterland dieser Musik: Nach Andalusien in Südspanien - Malaga, Tarifa, Cadiz, Jerez, Granada, auf den Spuren des Flamenco.

Er forschte „zu den gegenwärtigen Erscheinungsformen“ dieser Musik und machte seine Abschlussarbeit an der Universität daraus.

Dann bot sich ihm die Chance zu promovieren. Sein Doktorvater war der Musikethnologe Prof. Rüdiger Schumacher in Köln, der ihn mit der Musik des Inselstaates Puerto Rico in Berührung brachte. „Das hat mich so fasziniert, dass ich diese Musik, das Land und seine Menschen kennen lernen wollte.“

Es folgten 2004 und 2005 Reisen in die Karibik. Bei einer davon heiratete er seine langjährige Lebensgefährtin Carmen aus Herdorf – romantisch, am weißen Strand der Nachbarinsel St. Thomas.

 

Neue CD: Studioaufnahmen

Bei der zweiten Reise, die er durch ein Stipendium für seine Studien auf drei Monate ausdehnen konnte, lebte er „ganz normal“ auf Puerto Rico – dank seiner Spanischkenntnisse kein Problem. „Es war schön, manchmal aber auch hart, weil alles so neu und anders ist, als bei uns. Die Uhren ticken da einfach anders. Aber gerade das hat meinen Horizont erweitert.“

200 Meter vom Karibischen Meer entfernt durfte er wohnen, mit den Einheimischen Musik machen, Konzerte geben, Unterricht bei einem dortigen Lehrer nehmen. „Zwischendurch“ belegte er sogar ein Seminar am Puerto-Rico-Institut des Hunter Colleges in New York.

Heute spielt Stefan Quast noch in der „Toto“-Cover-Band „Tambu“. Eine neue CD („Q Studio Collection“), die man bei ihm bekommt, bietet einen Querschnitt aus 15 Jahren seiner musikalischen Arbeit – 16 Stücke, auf denen er unter anderem bei „Dr. Death“, „The Final Season“, „Joe Baker“, „Bino Dola“, „Mercury Falling“, „Tambu“, „Misplaced Childhood“ oder „Q-Base“ den Bass zupft.

Dass er als Musikwissenschaftler auch über Johann Sebastian Bach, Pierre Boulez, serielle Musik, Fusion-Jazz und die Musik der Zigeuner in Frankreich gearbeitet hat – das hat ihm auch als Mensch neue Sichtweisen eröffnet.

 

                                                                    Zurück